Die Heimat der echten Alfas

Bilder und Bericht von Daniel Schmidt, 28. Okt. 2018

Die Heimat der "echten Alfas" - Arese, Milano

Die Phrase "echter Alfa" führt häufig zu Diskussionen unter den Alfisti. Viele bezeichnen den Alfa 75 als "den letzten echten", da es das letzte Modell vor der Übernahme durch den Fiat-Konzern 1986 war. Zudem wies er die typische Transaxle-Bauweiseauf, bei der sich der Motor vorne und das Getriebe an der angetrieben Hinterachse befindet. Dabei wird eine gleichmäßigere Gewichtsverteilung zwischen Vorder- und Hinterachse erreicht, was dem Fahrzeug eine gutmütigere, sportichere Fahrdynamik schenkt.

Zwar wurde auch der Alfa 164 noch vor 1986 entwickelt, allerdings wurde er erst unter der turiner Führung 1987 auf der IAA in Frankfurt vorgestellt. 

Die zwei unten abgebildeten Exemplare eines Alfa 75 Turbo Evoluzione (links), von dem nur 500 Stück gebaut wurden und einem Alfa 164 (rechts), sind im Museo Fratelli Cozzi zu bewundern. Meinen Bericht dazu findet ihr hier: Il Museo Fratelli Cozzi

 

Schon im Grundschulalter infizierte ich mich mit dem „Virus Alfa“. Das war hauptsächlich die Schuld meines Vaters, der zu dieser Zeit Alfa Romeo-Vertragshändler in Kaiserslautern wurde.

Ich entwickelte eine Leidenschaft für diese Fahrzeuge, wir besuchten Rennen, wie beispielsweise den damals ausgetragenen Alfa 147 Cup und die FIA WTCC.  

 

Die kleine Grinsebacke, die dort sitzt, wo ursprünglich mal ein Beifahrersitz montiert war, bin ich. Das Bild wurde vor 16 Jahren aufgenommen. So gesehen, kann Alfa Romeo Zeit meines Lebens nicht wirklich an vergangene glorreiche Tage anknüpfen. Zudem hat der FCA-Konzern auch in jüngerer Zeit einige Entscheidungen getroffen, die viele nur missliebig beobachten konnten. Eine chaotische Modellpolitik und hohe Schulden spielten dabei eine große Rolle.

Ein Joint Venture mit einem hiesigen amerikanischen Autobauer missglückte fahrzeugtechnisch auf voller Länge und der ab 1952 gebaute Alfa Romeo Matta hätte aus meiner Sicht gerne der erste und letzte „Geländewagen“ der Marke bleiben können.

Von Zeit zu Zeit machten sogar Gerüchte über einen möglichen Verkauf der Marke die Runde.

Als Lichtblicke können das Fliegengewicht 4C (zumindest in technischer Hinsicht) und die derzeit nur als Limousine erhältliche Hoffnungsträgerin Giulia bezeichnet werden.

Ob die noch von Sergio Marchionne (✝) angekündigten Modelle bis 2022 wirklich kommen, steht wie gewohnt noch in den Sternen.

 

Einige Alfa-Fans bezeichnen auch Modelle, die nach der Fiat-Übernahme produziert wurden, aber den berüchtigten Busso V6 unter der Motorhaube tragen, als waschechte Alfas. Schließlich können auch sie sich mit dem sagenhaften Alfa-V6-Sound ausweisen. Die letzten Vertreter dieser Gattung waren der Alfa 147 und 156 GTA, der 937 GT, die 916 Baureihe mit GTV und Spider und der 166. 

Die nachfolgende Modellgeneration mit Alfa 159 und Brera bzw. Spider trug den sogenannten Holden-V6 unter dem Blech, welcher von der gleichnamigen australischen GM-Tochter zugeliefert wurde.

Die derzeitig verbauten V6-Ottomotoren mit Twinturbo-Aufladung werden laut Alfa Romeo "in enger Zusammenarbeit mit Ferrari" gebaut. Die Verantwortlichen betonen, dass es nicht der selbe Motor wie im Ferrari California sei, den man kurzerhand um zwei Zylinder gekürzt hat. Wie Jeremy Clarkson in seinem Bericht zur Giulia QV lächelnd anmerkte, sei es laut FCA ein Zufall, dass der Motor die selbe Bohrung und den selben V-Winkel aufweist.

 

Ähnlich verhält sich dies auch beim 2003 vorgestellten und ab 2007 gebauten 8C Competizione. 

Das formvollendete Gewand und der Ferrari-Motor feierten ihre Hochzeit im Maserati-Werk in Modena. Ein nur auf 1000 Fahrzeuge (500 Coupés und 500 Spider) limitiertes Prestigeprojekt.

Das unten gezeigte Exemplar ist ein Prototyp. Zu erkennen ist dies unter anderem an den Scheinwerfern und der komplett ohne Spalten zusammenhängenden Front des Fahrzeugs.

Aber ist das nun ein echter Alfa?

 

Letzten Endes ist die Echtheit und Authentizität eines Fahrzeugs und dessen im Kühlergrill thronenden Markenemblems nur als relativ anzusehen. Dies gilt vor allem für neuere Fabrikate.

In unserer globalisierten und eng vernetzten heutigen Welt bestehen Autos zum Großteil aus zugelieferten und genormten Bauteilen. Bosch, Continental, Denso, Magneti Marelli und Valeo sind nur ein paar wenige Beispiele für große Zulieferfirmen, die fast jeden Autohersteller der Welt beliefern. Joint-Ventures zwischen großen Konzernen sind eher die Regel als die Ausnahme und von innerdeutschen Kartellen möchte ich hier gar nicht erst anfangen.

Die Zeiten ändern sich und die Automobilindustrie steht unter einem dauerhaften Wandel. Wer also echte Autos sehen will, könnte daher in Museen fündig werden. Ein Ausflug in vergangene Tage.

Die aufregende Geschichte von Alfa Romeo mit ihren vielen Höhen und Tiefen macht das im Jahr 2015 neu eröffnete Museo Storico Alfa Romeo zu einem der Ausflugsorte, die dafür bestens geeignet sind.

Im Folgenden möchte ich euch eine kleine Auswahl der zahlreichen hier ausgestellten Exemplare vorstellen.

 

Alfa Romeo Disco Volante (zu deutsch: fliegende Untertasse)

Das unten abgebildete Cabrio trägt, genauso wie das ebenfalls ausgestellte Coupe, eine 1.900 cm³ große 4-Zylinder-Maschine mit Aluminiummotorblock und erreicht damit eine Höchstgeschwindigkeit von 225 Stundenkilometern (im Jahr 1952). Ein Disco Volante, der Version mit 3,6 Liter großen Motor, welcher bei der Mille Miglia an den Start ging, ist im Museo Nazionale dell’Automobile in Turin zu sehen. Ich werde euch die dort gemachten Aufnahmen nicht vorenthalten und werde auch zu diesem Museum einen Bericht schreiben.

 

Alfa Romeo Montreal 

Der ab 1970 gebaute Alfa Romeo Montreal imponiert mit seinem bulligen Erscheinungsbild und erinnert ein wenig an amerikanische Muscle-Cars. Und tatsächlich wurde der Wagen 1967 noch als Designstudie auf der Weltausstellung im kanadischen Montreal der Öffentlichkeit vorgestellt. Designt wurde die Karosserie allerdings vom italienischen Designbüro Bertone.

Die seitlich angebrachten Lüftungsschlitze zwischen B und C Säule dienen übrigens nur zu optischen Zwecken. Dieses Designelement stammte von der Expostudie, welche als Mittelmotorkonstruktion ausgestellt wurde. Auch die weiße Studienversion wartet im Eingangsbreich des Museos auf die Besucher.

Der serienmäßig gebaute Montreal schöpft seine Kraft aus einer in der Front liegenden 8-Zylinder-Maschine, welche 200 PS leistet.

 

Alfasud Sprint 6C

Der nächste Wagen wurde 1982 als Gruppe B-Rallyefahrzeug konzipiert und vorgestellt. Anders als der Montreal trägt der Alfasud Sprint 6C sein "Core Sportivo" nicht wie die Serien-Alfasud Sprints unter der vorderen Haube, sondern als Mittelmotor direkt hinter den Sitzen. Der in diesem Prototyp verbaute Motor, war das 2.5 Liter 6-Zylinder-Aggregat aus dem GTV6.

Angesichts einer benötigten Stückzahl von 200 Homologationsfahrzeugen entschied sich Alfa Romeo nicht zuletzt aus finanziellen Gründen gegen eine Weiterführung des Projekts. Sehr schade!

 

Alfa Romeo GTA

Ikonen der Rennsportgeschichte. Das Kürzel GTA steht dabei für Gran Turismo Alleggerita (=erleichtert), da die für den Rennsport vorgesehenen Fahrzeuge konsequentem Leichtbau unterlagen. Ein Großteil der verwendeten Bauteile wurde aus Aluminium gefertigt. So auch die Außenkarosse, welche charakteristisch an den Nieten auf Kotflügel und Dach zu erkennen ist. 

Die GTAs waren über ein Jahrzehnt äußerst erfolgreich und gewannen zahlreiche Meisterschaften und Titel.

Die Baureihe umfasste die Giulia 1300 als Junior GTA, die Giulia Sprint GT und den 1750 bzw. 2000 GT Veloce als GTAm.

Die Fahrzeuge wurden bei Autodelta, dem damals für die Motorsportabteilung zuständigen Unternehmen gefertigt, womit wir unweigerlich wieder bei folgender Frage wären:

Sind das nun echte Alfa Romeos?

 

 

 

Was meint ihr? Was macht für euch ein authentisches Fahrzeug aus?

Welche Kriterien muss es erfüllen?

Welche Autos kommen euch in den Sinn?

 

 

     


1 Kommentar

  • Für mich ist der 159 als Limousine und Kombi ein utopisch schönes Auto. In ein paar Jahren wird es mich reuen, mir keinen “gesichert” zu haben, solange man noch unverbastelte bekommen hat. Wäre ein super “Ponton” zu meiner 72er Berlina.

    R.Dietmar Mair

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